Warum Neujahrsspringen aus Pferdesicht keinen Sinn macht

Der Jahreswechsel ist im Reitsport für viele ein besonderer Moment. Traditionen wie das Neujahrsspringen sollen Motivation, Mut und einen gelungenen Start ins neue Jahr symbolisieren. Doch was bedeutet ein solcher Sprung eigentlich aus Sicht des Pferdes? Und ist er wirklich ein sinnvoller Trainingsschritt? In diesem Beitrag erkläre ich, warum mein Pferd am 1. Januar nicht springt – und was fluchttiergerechtes, nachhaltiges Pferdetraining stattdessen braucht.

Der Jahreswechsel ist für viele Menschen ein Moment des Aufbruchs. Neue Ziele, neue Pläne, neue Energie. Im Reitsport hat sich daraus eine Tradition entwickelt: das Neujahrsspringen. Ein symbolischer Sprung ins neue Jahr, ein sichtbares Zeichen von Motivation und Fortschritt. Für mich und meine Arbeit mit Pferden fühlt sich diese Idee jedoch nicht stimmig an.

Ich trainiere Pferde nicht nach Kalenderdaten, sondern nach Reife. Reife meint dabei nicht nur körperliche Voraussetzungen, sondern vor allem mentale Klarheit, innere Organisation und die Fähigkeit des Nervensystems, sich zu regulieren. Ein Sprung ist für mich kein Ritual und kein Symbol, sondern das Ergebnis eines Prozesses, in dem Beziehung, Orientierung und Balance vorausgehen.

Gerade der Winter stellt viele Pferde vor besondere Herausforderungen. Weniger freie Bewegung, veränderte Routinen, kältere Temperaturen und oft ein erhöhtes Maß an innerer Spannung gehören für viele Pferde zum Alltag. Dazu kommt der Jahreswechsel selbst: ungewohnte Geräusche, Unruhe, ein Nervensystem, das mehr verarbeitet, als man von außen oft sieht. Auch wenn wir Menschen den 1. Januar als Neubeginn empfinden, sind viele Pferde zu diesem Zeitpunkt innerlich noch mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Ein Pferd kann technisch springen und trotzdem innerlich nicht so weit sein. Das zeigt sich nicht an der Höhe des Hindernisses, sondern an Atmung, Muskeltonus, Blick und Bewegungsrhythmus. Wer gelernt hat, Pferde wirklich zu lesen, erkennt, ob ein Sprung aus innerer Balance entsteht oder aus Anpassung und Funktionieren.

Wenn mein Pferd springt, dann weil es verstanden hat, was von ihm erwartet wird. Weil es sich sicher fühlt, sich selbst tragen und organisieren kann und weil die Beziehung zwischen uns stabil genug ist, um Leistung entstehen zu lassen. Nicht, weil ein Datum sagt, dass es jetzt passend wäre. Entwicklung lässt sich nicht terminieren, Vertrauen nicht planen und Balance nicht erzwingen.

Mein Pferd ist kein Vorsatz und kein Symbol für meine Ziele. Es ist ein Fluchttier mit einem feinen Nervensystem und einer sehr ehrlichen Rückmeldung auf das, was ich anbiete. Diese Rückmeldung ernst zu nehmen ist für mich ein zentraler Bestandteil guter Horsemanship.

Deshalb springt mein Pferd dann, wenn es Sinn ergibt – wenn der Prozess so weit ist. Und manchmal bedeutet verantwortungsvolles Training genau das: bewusst etwas nicht zu tun.

Wenn dich dieser Blick auf Pferdetraining anspricht, dann teile ich hier genau diese Haltung: weg von Terminen und Erwartungen, hin zu echter Verständigung, innerer Balance und tragfähiger Entwicklung. In meiner Arbeit geht es nicht darum, schneller höher weiter zu kommen, sondern darum, Pferde wirklich zu sehen, zu lesen und ihnen gerecht zu werden. Denn nachhaltige Ausbildung beginnt nicht mit einer Aufgabe – sondern mit Verständnis.


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