Wenn ein Pferd hustet, beginnt fast immer dieselbe Suche. Staub, Futter, Haltung, Allergien, Infekte. Es wird gemessen, getestet, umgestellt, inhaliert und geschont. Vieles davon ist sinnvoll, manches notwendig. Und trotzdem bleibt bei erstaunlich vielen Pferden etwas zurück: ein Husten, der nie ganz verschwindet. Oder immer wiederkommt. Auch der Bär ist davon nicht verschont und reiht sich in eine lange Liste von Hustenpferden in meinem Netzwerk ein.
Aus diesem Grund – und weil ich dieses Muster in den Einheiten mit meinen Kundenpferden zu oft beobachtet habe – entsteht dieser Artikel. Nicht, weil er der Wahrheit letzter Schluss ist. Nicht, weil er Hustenpferde heilt. Sondern weil dieser Aspekt für mich zu einem der wichtigsten Bestandteile meiner Arbeit geworden ist.
Ganz oft treffen mehrere Themen gleichzeitig aufeinander, die sich gegenseitig ungünstig beeinflussen: der übersprungene Programmpunkt „Losgelassenheit“, fehlende Ruhe und Konstanz im Training, biomechanische Einschränkungen – und Schleim in der Pferdelunge.
Ich nehme meine Beobachtung vorweg, auch wenn das die Spannungskurve dieses Artikels ruiniert: Bringen wir ein solches Pferd in eine konstant ruhige Vorwärtsbewegung, liefern ihm währenddessen gutes, klares Leadership und lassen wir es sich rational und ruhig mit seinem Körper und der Bewegung auseinandersetzen – ohne ständig die Richtung zu wechseln, ohne permanent Übergänge einzufordern –, beginnt das Pferd, sich in der Bewegung buchstäblich zu ent-spannen. Und zwar nicht nur in der Oberlinie, sondern auch in der Bauchlinie und im Bereich des Zwerchfells. Genau das sorgt oft zeitnah in der Bewegung für Abschnauben und nach der Bewegung für ein hübsches Schleimbächlein aus den Nüstern. Wenn man ganz viel Glück hat, prustet einem das Pferd den ganzen „Schmand“ sogar noch mit großer Erleichterung um die Ohren.
Was dabei im Körper passiert, lässt sich auch anatomisch gut erklären. Mit zunehmender Losgelassenheit beginnt sich die sogenannte ventrale myofasziale Kette wieder zu organisieren. Dazu gehören die tiefe Bauchmuskulatur, die Bauchfaszien, der Übergang zur Brustregion und vor allem das Zwerchfell. Entscheidend ist dabei jedoch das Zusammenspiel mit der dorsalen myofaszialen Kette, also der Oberlinie des Pferdes. Erst wenn Bauchlinie und Oberlinie wieder miteinander arbeiten dürfen – statt sich gegenseitig zu blockieren –, wird Bewegung elastisch und Atmung frei. Hält ein Pferd in einer dieser Ketten dauerhaft Spannung, bleibt der Rumpf unbeweglich und die Atmung flach. Können beide Ketten loslassen und dynamisch zusammenarbeiten, wird der Brustkorb beweglicher, das Zwerchfell kann freier arbeiten – und genau das begünstigt die natürliche Regulation der Lunge, inklusive des Abflusses von Schleim.
Wenn dann noch eine gute pferdeosteopathische Begleitung hinzukommt – und ich bin sehr dankbar, hier mit einer großartigen Kollegin zusammenarbeiten zu dürfen –, kann sich dieser Effekt deutlich verstärken. Immer wieder erleben wir, wie eng Biomechanik und Lungenfunktion miteinander verkettet sind. Manche Pferde sind durch Stürze, Wachstumsschübe oder ungünstige Trainingsphasen so in sich verwrungen, dass Schleim kaum sinnvoll abfließen kann. In unserer Zusammenarbeit haben wir mehrfach gesehen, dass dieser Effekt nicht nur kurzfristig auftrat, sondern über mehrere Tage anhielt – inklusive eines überraschend lauffreudigen Abfluss des Schleims.
Wenn also ein Pferd von Natur aus eher angespannt ist, zusätzlich bewegungseingeschränkt und im Training der Fokus auf Losgelassenheit fehlt, entsteht ein ungünstiger Kreislauf. Das Pferd hält Spannung, die Bewegung bleibt flach oder fest, das Zwerchfell arbeitet eingeschränkt, die Atmung wird weniger frei – und der Schleim bleibt dort, wo er eigentlich nicht bleiben sollte.
An dieser Stelle ist mir ein Missverständnis wichtig anzusprechen. Ja, Vorwärtsbewegung kann kurzfristig helfen, Schleim zu lösen – vor allem bei Pferden, die innerlich noch kein klares „Ja“ zur Frage Wer bewegt hier eigentlich wen? gefunden haben. In diesen Fällen kann Galopp oder auch aktiver Trab für eine oder wenige Einheiten einen Effekt zeigen. Dieser Effekt ist jedoch begrenzt. Solange das Pferd innerlich nicht angekommen ist, schleichen sich alte Spannungsmuster sehr schnell wieder ein. Nachhaltige Losgelassenheit entsteht nicht durch Tempo, sondern durch Zustimmung. Und diese Zustimmung kann sich bereits im Schritt einstellen – so deutlich, dass sie die Lungenfunktion spürbar unterstützt. Bei manchen Pferden sogar im Stand, wenn Ruhe, Sicherheit und klare Führung gegeben sind. Nicht jedes kurzatmige Pferd kannst oder willst du im Trab oder Galopp durch die Bahn jagen. Und nicht jedes Pferd braucht Tempo, um loszulassen. Oft braucht es genau das Gegenteil.
Wichtig ist mir an dieser Stelle eines ganz deutlich zu sagen: Das ist kein Plädoyer gegen medizinische Diagnostik, Inhalation oder gutes Management. Im Gegenteil. All das ist essenziell. Aber all das greift nur begrenzt, wenn dieser eine Baustein fehlt – nämlich die Fähigkeit des Pferdes, innerlich loszulassen.
Nach heutigem pferdemedizinischem Verständnis sind allergische Atemwegsreaktionen und chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen nicht dasselbe. Allergien gelten häufig als Auslöser, während RAO beziehungsweise COB ein eigenständiges chronisches Krankheitsbild darstellen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Ansatzpunkte: Allergikerpferde brauchen zunächst konsequente Allergenelimination, während bei chronischen Atemwegspferden zusätzlich Regulation, Atemmechanik und Losgelassenheit eine tragende Rolle spielen.
Losgelassenheit ist in diesem Zusammenhang kein Trainingsziel, kein Bonus und keine Kür. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass der Pferdekörper überhaupt in die Lage kommt, sich selbst zu regulieren. Atmung, Bewegung und Nervensystem sind keine voneinander getrennten Baustellen. Sie arbeiten immer zusammen – oder sie behindern sich gegenseitig.
Gerade Besitzer von Hustenpferden sind oft besonders engagiert, besonders aufmerksam und besonders bemüht. Und genau darin liegt manchmal die nächste Falle. Permanente Aktivität, ständiges Beobachten, Korrigieren und „Noch-etwas-tun-Wollen“ hält nicht selten genau die Spannung aufrecht, die das Pferd eigentlich loslassen müsste.
Losgelassenheit entsteht nicht durch mehr Aktion, sondern durch das richtige Maß. Durch Ruhe und klare, einfache Aufgaben, die das Pferd annehmen kann. Durch ein erstes Ja des Pferdes zur Bewegung – und ein zweites Ja des Menschen, indem er aufhört, weiter einzugreifen.
Deshalb ist Losgelassenheit für Besitzer von Hustenpferden kein optionaler Gedanke und kein nettes Zusatzthema. Sie ist Pflichtprogramm. Nicht als Allheilmittel, sondern als Grundlage dafür, dass der fragile Organismus des Pferdes zur Ruhe kommen kann.
In meiner Arbeit – und ganz besonders in der Zusammenarbeit mit dem Osteopathie Zentrum Katja Krause für Pferde e.K. – achten wir genau auf diese besonderen Bedürfnisse. Nicht, um Diagnosen zu stellen oder Symptome isoliert zu betrachten, sondern um zu verstehen, wo ein Pferd innerlich festhält, wo es sich schützt und welche Voraussetzungen es braucht, um wieder loslassen zu können. Durch diese enge Verzahnung von Training, Biomechanik und nervensystemischer Regulation können wir wertvoll unterstützen und Entwicklung ermöglichen – dort, wo einzelne Maßnahmen oft nicht ausreichen.
Denn wenn ein Pferd beginnt, wirklich loszulassen, verändert sich häufig nicht nur der Husten. Es verändert sich die gesamte Qualität von Bewegung, Ausdruck und Ruhe. Und genau dort entsteht der Raum, in dem nachhaltige Veränderung möglich wird.
Losgelassenheit ist kein Trainingsziel. Sie ist ein Spiegel. Und sie entsteht genau dann, wenn man aufhört, sie erreichen zu wollen.
Möchtest du diesen Baustein für dein Hustenpferd kennenlernen und sinnvoll nutzen?
Wenn du spürst, dass medizinisches Management allein nicht alles erklärt oder trägt, begleite ich dich gern dabei, herauszufinden, wo dein Pferd innerlich noch festhält – und wie wir ihm helfen können, wieder loszulassen.
Melde dich gern bei mir für eine individuelle Bestandsaufnahme.

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