Putzen wird im Stallalltag oft als notwendiges Übel betrachtet. Etwas, das man „halt macht“, bevor es endlich losgeht. Und genau hier liegt ein riesiger Denkfehler. Denn wenn man genauer hinschaut, ist Putzen kein Vorprogramm zum Reiten – es ist bereits Ausbildung.
Funfact: Du kannst beim Putzen nahezu alles üben, was du später im Sattel brauchst. Und zwar in Ruhe, ohne Zeitdruck, ohne Gefahr – und mit einem Pferd, das dich lesen kann.
Berührung verstehen – nicht ertragen
Beim Putzen lernt dein Pferd zunächst, sich überall anfassen zu lassen. Nicht nur mechanisch, sondern emotional. Es lernt, Berührung zu verstehen – nicht bloß zu ertragen. Es lernt, dass Kontakt neutral sein kann. Dass Nähe kein Angriff ist und dass der Mensch, wenn er da ist, auch mal „nichts“ vom Pferd will.
Genau das ist die Grundlage für Losgelassenheit, Vertrauen und eine stabile Beziehung.
Ein Pferd, das sich beim Putzen einfriert oder festhält, wird diese Spannung mit in die Bewegung nehmen. Ein Pferd hingegen, das rational und neutral auf Berührung reagieren kann, wird auch beim Zügelkontakt nicht emotional eskalieren oder sich hinter dem Gebiss verstecken.
Wir können also bereits am Putzplatz mit unserem Pferd üben und festigen, was wir uns beim Reiten wünschen – z. B. ein freundlicher, wertschöpfender Zügelkontakt, ohne Einrollen, ohne Zunge übers Gebiss, ohne gegen die Hand zu gehen.
Ein Kontakt, der neutral und freundlich bleibt. Ohne Missverständnisse. Ohne Einfrieren. Und ohne Unsicherheit darüber, wann der Mensch etwas möchte – und wann nicht.
Wenn wir etwas wollen – höflich fragen statt nehmen
Bis hierhin haben wir geklärt, wie sich Berührung anfühlt, wenn wir nichts vom Pferd wollen. Wie es Kontakt verstehen und entspannt annehmen kann. Doch Ausbildung bedeutet nicht nur, dass wir Kontakt erklären – sie bedeutet auch, dass wir etwas fragen dürfen.
Und genau das beginnt beim Hufgeben.
Nein, wir „nehmen“ dem Pferd keinen Huf. Wir reißen ihn nicht weg. Wir zerren ihn nicht hoch. Wir fragen. Mit einer klaren, sanften Berührung. Mit einem Signal, gleichbedeutend mit einer Frage, die verständlich ist. Mit Raum, in dem das Pferd zuerst seine anderen Beine entlasten darf, seine Balance findet und dann bewusst den Huf anhebt – uns gibt.
Dieser Unterschied ist elementar. Denn hier beginnt echte Kooperation.
Wir sagen mit unserer Berührung: „Ich möchte jetzt etwas von dir.“ Und wir geben dem Pferd die Chance, diese Bitte zu verstehen.
Und genau das ist nichts anderes als klassische Hilfengebung.
Denken wir an ein Element aus der Dressur, wie das Kruppeherein. Auch dort stellen wir eine Frage. Mit unserem Schenkel berühren wir ebenso eine bestimmte Körperstelle. Wir erwarten keine Emotion, keinen Widerstand, kein Wegspringen – sondern eine feine, gezielte Reaktion: „Kannst du deine Hinterhand ein paar Millimeter vom Hufschlag weg führen?“
Das Prinzip ist exakt dasselbe wie beim Hufgeben. Beim Huf lautet die Frage: „Kannst du diesen Huf vom Boden aufnehmen?“ Beim Kruppeherein lautet sie: „Kannst du deine Hinterhand verschieben?“
In beiden Fällen sprechen wir über präzise Berührung, gleichbedeutend mit einer freundlichen Frage, an einer klar definierten Stelle mit einer klaren Erwartung. Wenn das Pferd beim Putzen gelernt hat, solche Fragen ruhig zu beantworten, wird es sie auch im Sattel ruhiger beantworten.
Energie synchronisieren – ohne Berührung kommunizieren
Doch Ausbildung endet nicht bei Berührung. Wir haben noch eine Ebene – und die ist mindestens genauso wichtig. Wir können mit unserem Pferd auch ohne direkte Berührung kommunizieren: über Energie.
Energie entsteht, wenn wir einatmen, uns aufrichten, größer werden und unseren Fokus bündeln. Ich nenne das gern „Leuchtturm leuchten“. Wir richten uns auf, atmen ein, schauen bewusst in eine Richtung – und unser Körper folgt diesem Blick, verbunden mit der freundlichen Frage, ob das Pferd dem weichen kann. Wie ein Leuchtturm, der in eine bestimmte Richtung strahlt.
Auch das können wir beim Putzen üben.
Stell dir vor, ihr seid im Schritt auf dem Hufschlag unterwegs. Nun atmest du sanft ein, drehst deine Schultern in Richtung Bahnmitte und bemerkst, wie dein Pferd sich synchronisiert. Da dein Unterkörper weiterhin in Bewegungsrichtung zeigt, wird das Pferd auch weiterhin geradeausgehen. So leicht bekommst du – wenn dein Pferd gut geübt ist, sich mit deinem Körper zu synchronisieren – ein Schulterherein.
Keine Berührung, kein Drücken, kein Ziehen am Zügel. Nur klare Körpersprache.
Natürlich ist das im Sattel ein etwas komplexeres Bewegungsmuster. Aber das Prinzip ist identisch: Wir verändern unsere Ausrichtung – und das Pferd reagiert.
Wenn dein Pferd beim Putzen bereits gelernt hat, auf deine Blickrichtung zu reagieren, dann ist das Schulterherein kein Fremdwort mehr. Es ist nur ein höheres Level derselben Kommunikation.
Hü! und Brr! – vorwärts und anhalten sind nicht verhandelbar
Ein Punkt ist beim Reiten absolut nicht diskutabel: Vorwärts und Halt müssen funktionieren. Nicht hektisch. Nicht emotional. Sondern rational und reflektiert.
Einatmen – wir werden größer – das Pferd setzt sich in Bewegung.
Ausatmen – wir werden ruhiger – das Pferd pariert durch und/oder bleibt stehen.
Auch das können wir beim Putzen üben. Wenn wir das Pferd bitten, zur Seite zu treten, üben wir Übergänge. Und zwar so, dass es sich dabei weder echauffiert noch beißt oder tritt oder sogar „Bohnen in den Ohren hat“. Wir fragen und das Pferd antwortet ganz normal.
Die Qualität der Antwort, die wir beim Putzen erhalten, zeigt sich später im Sattel. Reagiert das Pferd hier über, ignoriert oder bleibt es ruhig und klar? Genau das wird es auch unter dem Reiter tun.
Und was wir wollen, sind Gangarten, die weich zu sitzen sind und uns nicht zum Mond katapultieren.
Apropos Gangarten beim Reiten. Kennt ihr das? Gerade aufgestiegen und dennoch geht nichts vorwärts. Jeden Schritt muss man heraustreiben. Im Trab das Gleiche. Das Pferd hält die Gangart keine Zirkelrunde, ohne in den Schritt zu fallen.
Stehen ist auch eine Gangart
Und wenn unser Pferd diese Gangart schon beim Putzen nicht beibehalten kann, wie sollen wir jemals ein feines Schulterherein bekommen? Sind wir ehrlich: Wenn wir jeden Schritt heraustreiben müssen, sieht das weder fein aus noch haben wir die Kapazität, unsere Schenkelhilfe für die Kommunikation mit Vorder-, Mittel- und Hinterhand einzusetzen.
Also ja, Gangart beibehalten ist eine Fähigkeit. Und ja – Stehen ist eine Gangart. Eine sehr anspruchsvolle sogar. Denn wirklich stillzustehen bedeutet, innerlich präsent zu bleiben, ohne sich wegzuschleichen, ohne in Gedanken abzudriften und ohne ständig das Gewicht zu verlagern.
Wenn wir beim Putzen darauf achten, dass unser Pferd freundlich, ruhig und an einer vordefinierten Stelle stehen bleibt, an der wir es positioniert haben, üben wir nichts anderes als Verlässlichkeit in Schritt, Trab und Galopp.
Seitengänge am Putzplatz – jetzt wird’s logisch
Wenn du die Prinzipien bis hierhin verstanden hast, wird’s nicht kreativ oder wild, sondern logisch. Und logisch lieben wir.
Ich habe weiter oben im Text ja bereits über Weichen mit und ohne Berührung gesprochen. Nun üben wir beim Putzen dasselbe – einfach an der Stelle, die dein Pferd für „Seitwärts“ verstehen kann: in der Schenkellage, im Lot zum Widerrist bis eine Handbreit dahinter. Wir können unsere Frage hier einmal mit Druck oder auch über das beschriebene Einatmen für Weichen und Ausatmen für Stehenbleiben formulieren.
Engstellen – der stille Beziehungstest
Und dann gibt es noch den unausgesprochenen Albtraum vieler Pferde: Engstellen. Für ein Fluchttier ist das unnatürlich. Hinter jeder Ecke könnte aus Pferdesicht eine tödliche Gefahr lauern.
Dunkle Stallgassen. Enge Putzplätze. Beidseitiges Anbinden. Und dann auch noch brav still stehen müssen.
Ein Pferd, das hier emotional reagiert, ist nicht „böse“. Es fühlt sich nicht sicher.
Wenn wir als Menschen verstanden haben, was für eine Herausforderung das für unsere Pferde wirklich ist, können wir handeln. Wir können es dem Pferd „häppchenweise“ präsentieren, Schritt für Schritt aufbauen und mit der Kommunikation, die wir uns gemeinsam erarbeitet haben, die Fragen unserer Pferde pferdisch beantworten.
Engpässe mit einem Pferd zu besprechen heißt, im Pferde-ABC mit fluchttiergerechter Einstellung und in Pferdegrammatik Sätze bilden zu können. Es heißt: sehen, verstehen und helfen. Denn genau hier zeigt sich, wie gut unsere Einstellung ist und wie tragfähig unsere Partnerschaft wirklich funktioniert.
Und das Thema Engpass wirkt weit über den Stall hinaus:
Das Pferd geht ruhiger in den Anhänger.
Es bleibt gelassener zwischen ausufernder Blumendekoration am Dressurviereck.
Es springt selbstbewusster über Hindernisse.
Es reagiert weniger impulsiv in ungewohnten Situationen im Gelände.
Engpässe sind kein Nebenthema. Sie sind ein Spiegel unserer Führung.
Wenn du am Putzplatz so gezielt komplexe Dinge fragen kannst und darauf ebenso präzise Antworten von deinem Pferd erhältst, wird es im Sattel deutlich leichter. Nicht automatisch perfekt – aber verständlich, nachvollziehbar und sicherer.
In der klassischen Reitausbildung spricht man davon, dass ein Pferd vor dem Reiten „an den Hilfen stehen“ soll. Genau das kannst du beim Putzen überprüfen – ohne Druck, ohne Risiko, ohne Interpretation.
Putzen ist kein lästiger Pflichtpunkt.
Es ist die erste Trainingsfläche des Tages.
Und oft die ehrlichste.
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