Kaum ein Thema sorgt für so viel Missverständnis wie das Arbeiten des Pferdes am Boden beziehungsweise auf dem Kreis. Besonders dann, wenn man Menschen aus unterschiedlichen Ausbildungssystemen sprechen hört. Während Longieren in der klassischen Reitlehre ein selbstverständlicher Bestandteil der Ausbildung ist, wird es im Parelli-Kontext oft sehr kritisch gesehen – teils so kritisch, dass Longieren in manchen Parelli-Ställen sogar ausdrücklich untersagt ist.
Der Grund dafür ist nachvollziehbar. Gemeint ist das, was viele Pferde leider tagtäglich erleben: Ein Pferd wird ohne Vorbereitung, ohne innere Organisation und ohne echtes Verständnis einfach im Kreis vorwärts geschickt. Es läuft, fällt nach innen oder außen, wird schneller, verliert Balance und kompensiert. Diese Art von „Longieren“ wirkt tatsächlich wie eine Salatschleuder. Oder, wie es im Parelli-Jargon gern genannt wird, wie Zentrifugieren.
Das Problem ist nur: Das ist kein sinnvolles Longieren. Und es ist auch kein gutes Horsemanship.
Im Parelli-System wird deshalb sehr klar zwischen dem Circling-Game und dem klassischen Longieren unterschieden. Und diese Unterscheidung ist wichtig. Das Circling-Game ist kein Longieren. Es ist auch nicht dafür gedacht, den Pferdekörper gymnastisch zu entwickeln. Es ist in erster Linie ein Test für Verantwortung, Fokus und Beziehung. Das Pferd soll selbstständig auf einer Linie bleiben, ohne vom Menschen permanent kontrolliert oder korrigiert zu werden. Mental steht hier ganz klar die Selbstverantwortung des Pferdes im Vordergrund, nicht die körperliche Arbeit.
Longieren hingegen ist – wenn man es sauber betrachtet – kein Circling-Game, sondern ein Driving-Game. Es geht darum, Bewegungsabläufe und Tragfähigkeit zu gestalten, zu beeinflussen und zu entwickeln. Und genau hier liegt der Knackpunkt, der so oft verloren geht.
Gutes Longieren bedeutet nicht, ein Pferd einfach im Kreis zu bewegen. Es bedeutet, das Pferd aktiv zu begleiten, zu führen und in seinem Bewegungsablauf so zu unterstützen, dass Tragfähigkeit und Balance entstehen. Das setzt voraus, dass das Pferd gelernt hat, auf unterschiedliche Impulse differenziert zu reagieren, mit verschiedenen Energien, Anspannung und Entspannung umgehen zu können, Übergänge zu verstehen und seinen Körper auf gebogener Linie sinnvoll zu organisieren. Genau deshalb braucht Longieren mehr als nur einen Kreis und eine Longe.
In der Praxis ist sinnvolles Longieren fast immer eine Kombination mehrerer Spiele aus dem Parelli-Kontext. Das Driving-Game bildet die Grundlage, weil es die Bewegung initiiert und reguliert. Das Circling-Game kann hinzukommen, um Verantwortung zu klären. Das Jojo-Game hilft, Vorwärts- und Rückwärtsenergie zu regulieren und damit Übergänge, Gangarten und Balance zu verbessern. Und das Friendly-Game sorgt dafür, dass all das mit dem richtigen Verständnis für An- und Entspannung sowie Energie stattfinden kann.
Wer diese Elemente nicht kombiniert, sondern isoliert betrachtet, landet schnell entweder bei mentaler Verbindung ohne körperliche Entwicklung oder bei körperlicher Bewegung ohne innere Beteiligung. Beides greift zu kurz.
Aus FN-Sicht ist Longieren dann sinnvoll, wenn es der Gymnastizierung dient. Wenn es hilft, Takt, Losgelassenheit, Balance und später Tragfähigkeit zu entwickeln. Auch hier gilt: Ohne Vorbereitung wird daraus schnell reines Kreislaufen. Mit Vorbereitung jedoch kann Longieren ein äußerst wertvolles Werkzeug sein, um den Pferdekörper gezielt auf weitere Aufgaben vorzubereiten.
Der eigentliche Unterschied liegt also nicht zwischen Parelli und FN. Er liegt zwischen bewusstem und unbewusstem Einsatz. Zwischen Begleiten und Zentrifugieren. Zwischen Entwicklung und bloßer Bewegung.
Ein Pferd wird nicht gesünder, ruhiger, losgelassener oder kräftiger, nur weil es im Kreis läuft. Das geschieht erst dann, wenn es lernt, sich auf dem Kreis besser zu organisieren – mental wie körperlich. Und genau das ist der Punkt, an dem sich beide Welten treffen, auch wenn sie unterschiedliche Begriffe verwenden.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob du longierst oder Circling-Games spielst. Die entscheidende Frage ist: Was lernt dein Pferd dabei über seinen Körper, über Bewegung und über Verantwortung? Lernt es, sich zu tragen? Lernt es, bei dir zu bleiben? Oder lernt es nur, im Kreis zu funktionieren?
Genau hier beginne ich meine Arbeit. Ich schaue nicht zuerst auf Technik oder System, sondern auf das Pferd: auf seine körperlichen Voraussetzungen, seine mentale Regulation und seine Fähigkeit, Bewegung sinnvoll zu organisieren. Erst daraus ergibt sich, ob Longieren gerade hilfreich ist, in welcher Form – oder ob etwas anderes vorher nötig ist.
Wenn Longieren kein Salatschleudern sein soll, braucht es Klarheit. Über Ziel, über Aufbau und über den richtigen Zeitpunkt. Und genau diese Klarheit entsteht nicht durch Dogmen, sondern durch Hinschauen.

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