Losgelassenheit – eine Herzensangelegenheit

Oft ist es nicht die Übung, die Losgelassenheit verhindert, sondern das, was wir innerlich festhalten: Erwartungen, Antizipation und das Bedürfnis, noch etwas zu tun.

Losgelassenheit ist eines der meistverwendeten Worte im Pferdetraining. Und gleichzeitig eines der am meisten missverstandenen. Fast jeder wünscht sie sich, fast jeder sucht nach ihr, viele versuchen, sie herzustellen und wiederum andere haben ganz aufgegeben und ignorieren diesen wichtigen Punkt in der Ausbildung sogar. Genau darin liegt das Problem.

Losgelassenheit ist nichts, was man machen kann. Sie ist kein Muskelzustand, den man „locker reitet“ oder „locker longiert“. Und sie ist kein Ziel, das man direkt ansteuert. Losgelassenheit entsteht. Oder sie entsteht nicht. Und der Unterschied liegt fast nie in der Übung, sondern in den Voraussetzungen.
In meiner Arbeit unterscheide ich sehr klar zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen inneren Welten: Menschenziele und Zufriedenheit des Pferdes.
Pferde empfinden Zufriedenheit durch Sicherheit, Ruhe und Komfort. Sie ist leise, tief und stabil. Der Spaß des Menschen hingegen speist sich aus Zielorientierung, Aktivität, Erfolg und Zweck. Beides hat seine Berechtigung – aber es sind zwei völlig unterschiedliche Zustände. Losgelassenheit muss daher unbedingt auch aus Pferdesicht betrachtet werden – denn sie entsteht nicht aus Aktion, sondern aus innerer Sicherheit.

Ein Pferd kann nur dann loslassen, wenn sein Nervensystem keinen Grund mehr sieht, festzuhalten. Genau deshalb scheitert Losgelassenheit so oft im Training. Nicht, weil Menschen zu wenig oder zu viel wollen, sondern weil sie an der falschen Stelle ansetzen. Sie suchen Losgelassenheit im Körper, obwohl sie vorher im Nervensystem hätte entstehen müssen. Sie erwarten Nachgeben, wo noch Orientierung fehlt, und Entspannung, wo das Pferd innerlich noch prüft, ob die Situation überhaupt sicher ist.

Aus meiner eigenen täglichen Arbeit mit Pferden zeigt sich dabei immer wieder etwas sehr Konkretes: Losgelassenheit entsteht oft in zwei klar unterscheidbaren Momenten. Der erste Moment ist der, in dem das Pferd die Aufgabe akzeptiert, die man ihm gibt. Das kann etwas ganz Einfaches sein. Zum Beispiel: einfach geradeaus gehen. Egal in welcher Gangart. Egal ob am Boden, an der Longe oder im Sattel. In diesem Moment kommt häufig das erste innere „Okay“ des Pferdes. Das erste Ja. Nicht spektakulär, nicht sichtbar für jeden – aber spürbar. Das Pferd hört auf zu antizipieren, innerlich wie äußerlich, und beginnt, die Situation anzunehmen.
Der zweite Moment ist mindestens genauso entscheidend. Er entsteht dann, wenn der Mensch dieses Ja erkennt – und es bestätigt, indem er selbst still wird. Indem er aufhört, weiter zu organisieren, weiter zu korrigieren, weiter zu wollen. Indem er seinen eigenen Körper zum Schweigen bringt und dem Pferd Raum lässt, sich in seiner Bewegung zu finden.

Gerade im Schritt zeigt sich das sehr deutlich. Wenn man dem Pferd erlaubt, dort wirklich zu sortieren – seinen Körper, seine Balance, seine Schrittfolge –, dann beginnt es oft ganz von selbst, gesunde Schritte zu setzen. Nicht nach einem äußeren oder menschlichen Idealbild, sondern so, wie es dieser Körper in diesem Moment braucht. Dafür braucht es erstaunlich wenig. Kein besonderes Equipment. Keine Technik. Sondern eine ruhige innere Haltung des Menschen, eine entspannte Atmung, eine klare, aber nicht fordernde Präsenz.

Aus klassischer FN-Sicht ist Losgelassenheit ein zentraler Punkt der Ausbildungsskala. Sie beschreibt die Fähigkeit des Pferdes, Spannung aufzubauen und wieder abzugeben. Genau hier wird sie oft missverstanden. Losgelassenheit bedeutet nicht, dass ein Pferd dauerhaft locker ist. Sie bedeutet, dass es Spannung regulieren kann. Ein Pferd darf sich anstrengen. Entscheidend ist, ob es danach wieder loslassen kann.

Ein Pferd, das äußerlich ruhig wirkt, aber innerlich festhält, ist nicht losgelassen. Ebenso ist ein Pferd, das lebendig wirkt und zeitweise Spannung zeigt, nicht automatisch überfordert. Losgelassenheit ist dynamisch. Sie zeigt sich in Atmung, Übergängen, im Wechsel zwischen Aktivität und Entspannung.
Deshalb gestalte ich meine Arbeit kleinschrittig, strukturiert und ruhig. Nicht, weil Pferde Beschäftigung brauchen, sondern weil Struktur Sicherheit schafft. Präzision vor Abwechslung wird oft mit Langeweile verwechselt. In Wahrheit ist sie eine Einladung an das Nervensystem, sich zu entspannen. Und nur dort, wo Sicherheit entsteht, kann ein Pferd wirklich loslassen.

Losgelassenheit lässt sich weder erzwingen noch erspielen. Sie entsteht durch Ruhe, Selbstsicherheit und faire Kommunikation. Durch gutes Leadership, das Orientierung gibt, ohne zu kontrollieren. Durch das Vertrauen darauf, dass das Pferd seinen Körper organisieren kann, wenn man ihm den Raum dafür lässt.
Echte Losgelassenheit ist wie Magie, denn es entsteht etwas, das sich anfühlt, wie ruhiges, klares Wasser in einem See. Wie ein leises Lüftchen an einem schönen Sommertag. Die Bewegungen sehen auf einmal rund und fließend aus und man sieht, wie das Pferd beginnt, die Bewegung zu genießen. Und so entstehen sie, die ehrlichen Abschnauber. Und wenn ein Pferd im Loslassen schon etwas geübter ist, kommen davon richtig viele. Das ist der schönste Lohn für unsere Arbeit und den Input, den wir dem Pferd schenken konnten. Was in diesem Moment entsteht, ist Zufriedenheit – und die Möglichkeit, anzuknüpfen. In diesem Moment ist das Pferd aufnahmebereit. Für Anlehnung, für Schwung, für Geraderichtung und -bei körperlicher Eignung- für Versammlung.

In der Bestandsaufnahme spielt Losgelassenheit deshalb eine zentrale Rolle. Nicht als Forderung, sondern als Rückmeldung. Sie zeigt, ob Sicherheit, Klarheit und Fähigkeit bereits so zusammenspielen, dass Entwicklung möglich ist – oder ob wir an einer anderen Stelle beginnen müssen.
Losgelassenheit ist kein Trainingsziel. Sie ist ein Spiegel. Und sie entsteht genau dann, wenn man aufhört, sie erreichen zu wollen.


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