Menschenziele und Pferdeziele

Und wie wir sie in Einklang bringen, ohne das Pferd zu kompromittieren

Im Training mit Pferden treffen immer zwei Zielsysteme aufeinander. Das des Menschen und das des Pferdes. Und viele Schwierigkeiten entstehen nicht, weil eines davon falsch wäre, sondern weil sie nicht miteinander übersetzt werden.

Die Ziele des Pferdes sind grundlegend und existenziell. Ein Pferd strebt nach Sicherheit. Nach Komfort im eigenen Körper. Nach Spiel und sozialer Interaktion. Nach Zugang zu Futter und – biologisch betrachtet – nach Fortpflanzung. Diese Ziele sind nicht verhandelbar, sie sind tief im Nervensystem verankert. Sie sichern das Überleben des Individuums und der Art.

Die Ziele des Menschen im Training sind andere. Sie sind kulturell geprägt, fachlich definiert und meist leistungsorientiert. Versammlung, Geraderichtung, Schwung, Anlehnung, Losgelassenheit, Takt, Balance, Durchlässigkeit. Das sind legitime Ziele einer fundierten Ausbildung. Sie beschreiben Qualität, Gymnastizierung und Idealbilder von Bewegung.

Das Spannungsfeld entsteht dort, wo diese beiden Zielsysteme nebeneinanderstehen, statt ineinanderzugreifen.

Ein Pferd fragt nicht nach Versammlung. Es fragt: Fühle ich mich sicher? Kann ich diese Bewegung ohne Schaden leisten? Verstehe ich, was von mir erwartet wird?
Ein Mensch hingegen fragt oft: Warum geht das noch nicht? Warum fühlt es sich nicht so an, wie es soll?

Das Problem ist nicht das menschliche Ziel. Das Problem ist der Weg dorthin.

Denn kein Ausbildungsziel des Menschen kann nachhaltig erreicht werden, wenn es die grundlegenden Ziele des Pferdes unterläuft. Versammlung ohne Sicherheit erzeugt Spannung. Geraderichtung ohne Komfort erzeugt Kompensation. Schwung ohne Balance erzeugt Verschleiß. Anlehnung ohne inneres „Ja“ erzeugt Anpassung, aber keine Durchlässigkeit.

Genau hier entscheidet sich, ob Ausbildung gesund oder kompromittierend wird.

Pferdegerechte Ausbildung beginnt nicht bei Lektionen, sondern bei Voraussetzungen. Sie fragt zuerst, ob das Pferd sich sicher fühlt, ob es sich im eigenen Körper organisieren kann und ob sein Nervensystem aufnahmefähig ist. Erst dann bekommen menschliche Ziele eine reale Chance, sich zu entfalten.

Viele Konflikte im Training entstehen, weil Menschen Ziele verfolgen, während das Pferd noch in einer anderen Phase steckt. In der Gewöhnung. In der Suche nach Stabilität. In der Klärung von Schub- und Tragkraft. Das Pferd arbeitet dann nicht gegen das Ziel, sondern für sein eigenes Gleichgewicht.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie bringe ich mein Pferd dazu, meine Ziele zu erfüllen?
Sondern: Wie kann ich meine Ziele so formulieren und gestalten, dass sie auch den Zielen des Pferdes entsprechen?

Einklang entsteht dort, wo menschliche Ausbildungsziele als Angebot formuliert werden, nicht als Forderung. Wo Entwicklung über Fähigkeit läuft, nicht über Druck. Wo Tragkraft aufgebaut wird, bevor sie abgefragt wird. Und wo klar ist, dass kein Ziel der Welt das Pferd physisch oder psychisch kompromittieren darf.

Am Ende steht eine einfache, aber unbequeme Frage:
Kann all das ohne das ehrliche „Ja“ des Pferdes funktionieren?

Meine Erfahrung ist klar: Nein.

Deshalb beginne ich meine Arbeit immer mit einer Bestandsaufnahme. Sie macht sichtbar, auf welcher Ebene sich Pferd und Mensch gerade wirklich begegnen. Sie klärt, welche Ziele realistisch, welche verfrüht und welche vielleicht sogar überfällig sind. Und sie schafft die Grundlage dafür, dass Ausbildung nicht gegen das Pferd arbeitet, sondern mit ihm.

Wenn du deine Ziele mit deinem Pferd erreichen willst, ohne seine Sicherheit, seinen Komfort oder seine langfristige Gesundheit zu gefährden, dann beginnt dieser Weg genau hier.


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